Was motiviert rheinische Schützen zum Mitmachen?



Rheinisches Schützenwesen und regionale Identität
Eine qualitative Studie über Schützenbruderschaften in Mönchengladbach und im Rhein-Kreis Neuss als regionalprägende Kraft und als Faktor rheinischer Identitätsbildung.
Die Schützenbruderschaften befinden sich an der Bruchstelle zwischen Tradition und Fortschritt. Die Meinung junger Schützen ist ausschlaggebend für die Zukunft der Schützenbruderschaften. Wir wollten wissen, was das Schützenwesen den Menschen aktuell bedeutet, warum sie sich dafür engagieren und welche identitätsstiftende Wirkung davon ausgeht.
Methodisches Ziel des Forschungsprojekts war das Aufspüren bedeutsamer Einsichten und ungewöhnlicher Zusammenhänge. Es geht um mentale Tiefenstrukturen unterhalb der bekannten alltagsweltlichen Oberfläche. Die Studie will Diskussionsimpulse geben, die mithelfen können, das Leben und Zusammenleben in der Region zu verbessern.
{yootooltip title=[Datengrundlage und Methode] width=[600]}Datengrundlage
Anzahl der interviewten Personen:
25 (4 Frauen und 21 Männer), davon 14 aus Korschenbroich-Liedberg und 11 aus MG-Rheindahlen
Alter / Altersdurchschnitt: 15-39 Jahre / 26.5 Jahre
Art der Befragung: offene Leitfragen-Interviews, einzeln oder in kleinen Gruppen
Verwertetes Datenmaterial: 20 Interviews von rund 30 Minuten Länge mit 63.879 Wörtern, 1.481 Sinn-einheiten, 1.516 Schlüsselbegriffen
Zeitraum der Befragung: März bis Juli 2005
Um die Studie empirisch abzusichern, haben wir zusätzlich eine Fragebogenaktion durchgeführt und 88 Antworten ausgewertet. Die Auswertung bestätigt die Hauptergebnisse der qualitativen Studie.
Methode
Zur Auswertung der Interviews diente das Verfahren GABEK®. GABEK steht für "Ganzheitliche Bewältigung von Komplexität". Es handelt sich dabei um ein qualitatives Forschungsverfahren, das aus zusammenhängenden Texten Ansichten und Einstellungen der befragten Personen herausfiltert und zu einem Netz aus relevanten Meinungen, Bewertungen und Wirkungen verdichtet. GABEK zielt nicht auf statistisch repräsentative Ergebnisse, sondern auf die Gewinnung neuer Erkenntnisse.
Das Projekt "Schützenwesen und rheinische Identität" war extern initiiert. Die Anregung, Fragen der rheinischen Mentalität und Identität am Phänomen des Schützenwesens zu untersuchen, ging von Bezirksbundesmeister Horst Thoren (Bezirksverband Mönchengladbach, Rheydt, Korschenbroich - www.bruderrat-online.de). Horst Thoren (47, Jurist und Journalist) hat seine bruderschaftliche Heimat in der St.Sebastianus-Bruderschaft Korschenbroich und ist Vorsitzender des Ausschusses für Brauchtum und Geschichte des Bundes der historischen deutschen Schützenbruderschaften e.V.
Das Projekt wurde von der Regionalen Kulturförderung des Landschaftsverbandes Rheinland, von der Stadtsparkasse Mönchengladbach und vom Rhein-Kreis Neuss gefördert.
Ergebnisse
- Das rheinische Schützenwesen ist nicht in der Krise. Seine gegenwärtige Situation ist sehr stabil.
- Die befragten Schützen sind mit ihren Bruderschaften in Liedberg und Rheindahlen in hohem Maße zufrieden. Grundlage für dieses Ergebnis sind die in den Interviews enthaltenen Bewertungen der Schützen:
Bewertungen insgesamt: 964 = 100,0%
davon positiv: 629 = 65,2%
davon negativ: 335 = 34,8%
- Der zentrale Schlüsselbegriff in den Interviews ist das Wort "mitmachen". Es ist der mentale Dreh- und Angelpunkt im Denken der jungen Schützen. Ihr Engagement steuert sich maßgeblich über die Möglichkeiten, die ihnen die Schützenbruderschaft zur Befriedigung ihrer individuellen Bedürfnisse bietet. Hauptmotive für das Mitmachen sind Spaß, Freizeitgestaltung und gemeinsames Feiern.
- Innerhalb der Schützenbruderschaft ist der Schützenzug der wichtigste Rahmen für individuelles Aktivsein und gemeinschaftliches Engagement. Er steht im Denken der Schützen für Identifikation, Zusammenhalt und Spaß. Die Gründung eines eigenen Zuges ist für die Jungschützen eine große Leistung, auf die sie stolz sind.
- Das Wichtigste überhaupt am ganzen Schützen-wesen ist das Schützenfest. Nach Meinung der Schützen ist es das Hauptforum für Kontakt, geselliges Zusammensein und gemeinschaftliches Feiern. Als Schützenkönig ganz im Mittelpunkt zu stehen, das ist der Traum vieler Schützen, wenn auch mit Kosten und Pflichten verbunden.
- Besonders am Herzen liegt den Schützen die Uniform. Sie ist optisches Kennzeichen ihrer Verbundenheit mit der Schützenbruderschaft. Die Uniform repräsentiert den eigenen Schützenzug. Sie macht den Träger attraktiv und erfüllt ihn mit Stolz.
- Den Leitspruch "Für Glaube, Sitte und Heimat" fassen die Schützen als Slogan auf und geben ihm eine eigene Interpretation. Der Spruch steht für ihre Verbundenheit mit dem eigenen Ort und dessen Tradition. Zum Ort gehört traditionell das Schützenfest. Es stärkt die Gemeinschaft im Ort.
- Die zukünftige Entwicklung der Schützenbruderschaften hängt von drei Faktoren ab: (1) der Gewinnung von Nachwuchs, (2) der Bereitschaft zur Veränderung und (3) der Rolle der Frauen.
- Das Schützenwesen ist ein typisch rheinisches Phänomen. Mit ihrer Mentalität docken die Schützen unmittelbar an die Hauptmerkmale der rheinischen Mentalität an: Lebensfreude, Gemeinschaftssinn und Offenheit. Die Prinzipien des Mitmachens bei den Schützen liefern wichtige Hinweise darauf, wie und warum persönliches Engagement und gemeinschaftliches Aktivsein im Rheinland generell funktionieren.
Die komplette Studie zum Download:
Was motiviert rheinische Schützen zum Mitmachen? (296.49 kB)
St. Sebastianus Schützenbruderschaft






